Nachfolgend die Rede, wie sie von Inga Voss bei ihrer Jungfernrede im Parlament gehalten wurde:

 

Ihr Text zum Nachlesen:

Werter Herr Parlamentspräsident,
sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen von Parlament und Regierung,

“Unser höchstes Gut…” Verschiedene Online-Suchmaschinen von Google bis Ecosia vervollständigen diesen Ausdruck wie folgt: “Gesundheit, unser höchstes Gut”, “Kinder, unser höchstes Gut”, “Familie” und auch die “Mitarbeiter” erscheinen unter den ersten Ergebnissen. Und genau dort sollen wir Einsparungen machen? Diese müssten dann aber unheimlich gut durchdacht sein.
Ich finde es sehr schwierig, an der Bindung zwischen Mutter und Kind zu sparen. Ich finde es bedenklich, durch Einsparungen im Gesundheitsbereich gerade die ersten Stunden im Leben eines Menschen in Unsicherheit zu bringen.
Leider haben wir nicht alle Zügel selbst in der Hand. Nicht alle.

In dieser Resolution sind drei wichtige Aspekte enthalten:
die medizinische Grundversorgung
in deutscher Sprache
im ländlichen Raum.
Diese drei Aspekte wollen wir gesichert sehen. Darüber herrscht Konsens unter den Fraktionen in diesem Haus. Das ist sehr beruhigend und lässt uns mit einer gemeinsamen Stimme verhandeln. Deshalb werden wir dieser Resolution auch zustimmen.

Der Aspekt “ländlicher Raum” ist für mich persönlich primär zu betrachten, wenn wir von der Notwendigkeit der Wochenstationen unserer beiden Krankenhäuser reden. Die medizinische Nahversorgung spielt eine große Rolle, wenn ich dringend in der Einrichtung meines Vertrauens behandelt werden muss. Was definitiv bei einer bevorstehenden Geburt der Fall sein kann. Es muss als Argument geltend bleiben, dass nur durch den Erhalt beider Stationen jede werdende Mutter diese in weniger als 30 Minuten erreichen kann.
Stellen Sie sich nun einmal vor, Sie befänden sich in der absolut außergewöhnlichsten, emotionalsten, schmerzhaftesten und zugleich wundervollsten Situation Ihres Lebens – und kein Mensch um Sie herum spräche Ihre Sprache! Nun stellen Sie sich noch vor, es gäbe Komplikationen und niemand wäre da, der sie Ihnen erklären kann – in einer Sprache, die Sie verstehen können. Dazu braucht es zum einen deutschsprachiges Fachpersonal. Die Leitenden der beiden Krankenhausstandorte geben sich die größte Mühe, die Schichten je mindestens zweisprachig zu organisieren.
Aber “eine Sprache, die ich verstehen kann”, meint mehr als das. Und sie ist auch nicht nur im Falle von Geburt wichtig. Wenn mein Mann oder eins meiner Kinder beispielsweise einen Unfall hat oder schwer krank ist. Dann brauche ich nicht in erster Linie Krankenhauspersonal, das Deutsch spricht. Es muss vor allem auch kompetent sein, und empathisch – und nicht überarbeitet!
Die Muttersprache allein führt nicht dazu, dass wir uns gut versorgt fühlen. Wir schließen die Konsultation oder den Aufenthalt in einem französischsprachigen Krankenhaus ja auch nicht aus, wenn wir denken, dort die bessere Behandlung zu finden. Die Identifikation mit “unseren” Krankenhäusern geschieht nicht ausschließlich über die Sprache, sie kann nur durch eine gute Versorgung und dem daraus resultierenden Vertrauen bestehen. Diese Identifikation mit “meinem” Krankenhaus erachte ich als notwendig, wenn wir die Krankenhäuser sichern wollen.

Es ist höchste Zeit, ein gemeinsames medizinisches Projekt für die Deutschsprachige Gemeinschaft auf die Beine zu stellen, um gemeinsam in Verhandlungen aufzutreten, sowohl vor dem Föderalstaat wie mit dieser Resolution, als auch im neuen Krankhausnetzwerk – sonst wird aus den kleinen losgelösten Partnern im Netzwerk jeweils der Netzzwerg. Und so einen Zwerg nimmt bekanntlich keiner ernst, und in den lohnt es sich auch nicht zu investieren.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, es bleibt genug für uns zu tun: Was versteht der gemeine Ostbelgier, was der Politiker, was der Krankenhausdirektor unter “medizinischer Grundversorgung”. Erst wenn wir wissen, welche Grundversorgung wir an den beiden Krankenhausstandorten wollen und benötigen, wissen wir, welche Mittel wir dazu brauchen. Wie sollen die Notaufnahmen der beiden Standorte aussehen, gehören auch die Wochenstationen und die bestehenden Chirurgien hinzu, sollen an beiden Standorten alle Dienste offen sein? Sollen sogar neue Dienste hinzukommen? Diese Fragen sind im Vorfeld zu klären, wenn wir unnötigen Ängsten vorbeugen wollen.

Bisher sprechen wir nur über die Resultate einer Studie zu den Geburtenstationen und über die Begrüßung derer Resultate durch eine nicht handlungsfähige Föderalregierung. Ein Beschluss zu Schließungen steht nicht wirklich im Raum. Wir können diesem Szenario vorgreifen, indem wir unsere Kräfte bündeln, die Verantwortlichen der beiden Krankenhausstandorte an einem Tisch und auf einem gemeinsamen Weg begleiten. Der Prozess läuft bereits. Sehr geehrte Regierung, lassen Sie ihn bitte nicht einschlafen und fördern Sie konstruktiv das Miteinander! Die Politik muss Organisationen, Gemeinden, Bürger – und auch die Verantwortungsträger unserer beiden Krankenhäuser dort abholen, wo sie stehen und ihnen bestmöglich Unterstützung in ihren eigenen Projekten bieten.

Zurück zum Resolutionsvorschlag, den die Mehrheitsparteien hinterlegt haben. Die Ecolo-Fraktion begrüßt die konstruktive Weiterarbeit daran im Ausschuss und die Tatsache, dass mündliche Abänderungsvorschläge vor Ort integriert und wegen der Dringlichkeit erneut durch die Mehrheitsfraktionen unterschrieben werden konnten.
Es solle zum Beispiel nicht mehr Arbeit auf die Gemeinden zukommen, wie es im Ursprungstext hätte verstanden werden können, sondern die Gemeindevertreter, die sowieso in den aktuellen Verwaltungsratsstrukturen Verantwortung tragen, sollen wertschätzend in kommende Überlegungen miteinbezogen werden. Die Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft darf hier ihre Verantwortung nicht an die nächste politische Ebene abgeben.

Werte Kolleginnen und Kollegen,
so viel also zu den Inhalten – und nun noch zur Verpackung: Die ist nämlich in meinen Augen auch nicht unwesentlich. Auf den Inhalt konnten wir uns schnell einigen und wichtige Schliffe an der Formulierung vornehmen. Zum Wie kann ich nur sagen, dass wir einen Schulterschluss von Anfang an begrüßt hätten. So konstruktiv, wie wir im Ausschuss an dem vorgefertigten Text gearbeitet haben, hätten wir ihn gleich von Beginn an gemeinsam planen können. Die Mehrheitsparteien entschieden im stillen Kämmerlein und in meinen Augen sehr hastig, diese Resolution auf den Weg zu bringen. Sie sind damit erst einmal alleine schwangergegangen. Uns blieb am Ende nichts anderes übrig als die Vaterschaft anzuerkennen.
Wenn wir im Sinne der Bürger nachhaltig Politik gestalten wollen, sollten wir daran gemeinsam arbeiten – ganz sicher bei Themen, in denen sowieso Konsens unter den Fraktionen besteht – und bei denen es so wichtig ist, für die Sache gemeinsam einzustehen!

Mein Fazit ist also:
Da Ecolo für Vielfalt und Pluralität steht,
liegt es uns am Herzen, unsere beiden Krankenhausstandorte unbedingt zu wahren,
und dabei die beiden Geburtenstationen in Sankt Vith UND in Eupen beizubehalten.
Des weiteren wollen wir den Mehrwert in Kollaborationen aller Art aufzeigen,
sofern sie nachhaltige Konzepte unterstützen
und alle Partner berücksichtigt werden.
Wir werden der Resolution zustimmen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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