Es entspricht heute einfach dem Zeitgeist, auf komplexe Herausforderungen mit möglichst einfachen Lösungen zu reagieren – in der Hoffnung, Probleme würden sich dadurch in Luft auflösen. Genau das passiert gerade bei der Debatte über ein Verbot sozialer Medien unter 16.
Ein solches Verbot würde die Schuld umkehren: Jugendliche werden problematisiert oder sogar kriminalisiert, obwohl viele Plattformen bewusst so gestaltet sind, dass sie möglichst ein suchtähnliches Verhalten fördern. Diese Mechanismen betreffen übrigens alle Altersgruppen. Deshalb liegt ein zentraler Hebel beim Design und bei den Algorithmen der Plattformen.
Internationalen Plattformen an den Kragen zu gehen ist allerdings viel schwerer – weshalb ein Verbot so verlockend erscheint. Dabei gehören die Betreiber sozialer Netzwerke zu den größten und profitabelsten Unternehmen der Welt, machen Gewinne von 50 bis 60 Milliarden Dollar im Jahr. Verantwortung für die negativen Auswirkungen ihrer Plattformen müssen sie aber nicht übernehmen. Deshalb muss die Politik diese Konzerne stärker in die Verantwortung nehmen und sie verpflichten, die Gefahren für die Gesundheit zu reduzieren und geltende Gesetze zu befolgen. Das wiederum kann aber nur funktionieren, wenn die EU und ihre Mitgliedsstaaten mit einer Stimme sprechen.
Auch die DG hat Handlungsmöglichkeiten, zum Beispiel wenn es um mentale Gesundheit geht. Sozial-emotionales Lernen, die Rolle von Eltern und Vorbildern sowie das Engagement von Schulen und Vereinen sind entscheidend, um Menschen zu stärken und ihnen einen gesunden Umgang mit Herausforderungen zu ermöglichen. Dieser Bedarf geht weit über die Mediennutzung hinaus.
Auch bei einem Verbot müssten junge Menschen spätestens mit 16 lernen, selbstständig und verantwortungsvoll mit digitalen Angeboten umzugehen. Deshalb braucht es in jedem Fall gezielte Medienbildung in Schulen, gut ausgebildete Lehrkräfte und Fachpersonal sowie eine enge Verknüpfung mit politischer Bildung und Demokratieverständnis. Ebenso wichtig sind Informationsangebote für Eltern, etwa durch Infoabende oder medienpädagogische Programme in der Erwachsenenbildung.
Und nicht zuletzt gilt: Ein bewusster Ausgleich im Alltag – Bewegung, persönliche Begegnungen und Austausch ohne Bildschirm. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Viel komplizierter, als ein bloßes Verbot, aber auch viel wirksamer.
Andreas Jerusalem
Ecolo-Abgeordneter im PDG