80 Teilnehmer nahmen am Dienstag, den 17. Mai an der Online Veranstaltung der Ecolo Fraktion im Parlament zum Thema „Eine Schule ohne Noten“ statt. Hauptredner des Abends war Björn Nölte, der Co-Autor des gleichnamigen Buches.

Andreas Jerusalem stieg in den Abend mit der Feststellung ein, dass bei kleinen Kindern eine ganz natürliche Neugierde und eine unbremsbare Lernlust zu beobachten seien . Unser aktuelles System mache uns allerdings vor, dass sobald Kinder in der Schule sind, diese Lernmotivation ohne Noten ab der Einschulung unserer Kinder nicht mehr möglich sei. In Diskussionen höre man offenbar häufig, dass Schüler keine Motivation hätten, ohne Noten zu lernen. Björn Nölte beschreibt diesen Effekt am Beispiel von Delfinen: In freier Wildbahn springen diese sehr viel häufiger und leidenschaftlicher als im Delfinarium. Da springen sie nämlich nur noch, wenn ihnen ein kleiner Fisch vorgehalten wird. Laut Nölte beenden Noten den Lernprozess der Kinder. Sie springen, wie der Delfin, bis sie eine Note haben, entweder eine gute oder eine, die sie gerade so bestehen lässt dann ist der Prozess beendet. Aber Schüler, die an Sachen lernen dürfen, die sie interessieren, die sie herausfordern und an denen sie eine Bedeutung erkennen, springen einfach freiwillig viel höher. Wenn Kinder jedoch ihre Interessen entsprechend lernen und Themen sie herausfordern und intrinsisch motivieren, dann sind sie zu ganz anderen Leistungen im Stande. Damit räumt Nölte mit dem Missverständnis auf, dass Noten und Leistung zusammengehören. Leistung geht nicht vor die Hunde, sobald Noten abgeschafft werden. Schüler hören dann nicht auf zu lernen, sondern ganz im Gegenteil, sie wachsen über sich hinaus. Wenn man es intelligent anstellt, leisten Schüler dann deutlich mehr und deutlich nachhaltiger.

Oft wird Noten eine deutliche Aussagekraft zugesprochen, doch Nölte vertritt die Meinung aktueller Forschung, dass in Bezug auf die Motivation durch Benotung viel zu selten die sogenannte Individualnorm berücksichtigt wird: Wie verbessert sich meine persönliche Leistung während des Lernprozesses im Vergleich zu meiner individuellen Ausgangslage? Diese Individualnorm ist die lernförderlichste Form von Bewertung, wenn man unbedingt benoten muss. So wird der Fortschritt eines jeden Kindes sichtbar gemacht, was dann zu wahrer Motivation führt.

Auch die Argumente, dass Noten transparent und objektiv seien, widerlegte Nölte anhand zahlreicher Beispiele.

Manfred Kohnen, Direktor von Kaleido Ostbelgien, dem Zentrum das für die gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen verantwortlich ist, stellte die Frage, warum so viele Schüler Schule als nicht positiv empfinden. Viele Kinder und Jugendliche leiden unter massivem Druck, der von der Schule ausgeht und die Benotung ist dabei ein ausschlaggebender Faktor von vielen. Dieses negative Empfinden äußert sich bei den Jugendlichen durch Stress, Unwohlsein, Depressionen, Versagensangst, Schulunlust bis hin zu Schulverweigerung.

Andreas Jerusalem wollte daraufhin ketzerisch wissen, ob Noten denn abgeschafft werden sollen, um vor allem den schwächeren Schülern das Leben zu vereinfachen, Anforderungen zu reduzieren und eine Art Kuschelpädagogik zu fahren? Darauf antwortete Kohnen klar, dass Chancengerechtigkeit und Exzellenz sich gegenseitig positiv beeinflussen. Kinder müssen gesunden Stress, beispielsweise in Form von Herausforderungen erfahren, um daran wachsen und gestärkt durchs Leben gehen zu können. Dieser Stress sollte nicht toxisch werden. In diesem Fall findet dann keine positive Entwicklung mehr statt, sondern die Psyche wird extrem belastet, was zu den bereits erwähnten negativen Folgen führt.

Dennoch kommt häufig die Rückmeldung, dass Kinder und Jugendliche auf die harte Realität der Arbeitswelt vorbereitet werden müssen. In der Wirtschaft beispielsweise könne man nur mit Ellenbogen die Karriereleiter hinaufsteigen. Dieser Meinung war Annabelle Mockel, Geschäftsführerin des Unternehmens Mockel in Eupen, nicht. Sie erklärte deutlich, dass dieses Umdenken in der Wirtschaft bereits angekommen sei. Bei der Einstellung von gutem Personal geht es schon lange nicht mehr um Noten auf einem Blatt Papier. Neben fachlichen Kenntnissen sind vor allem überfachliche Kompetenzen wie Teamfähigkeit, Haltung, Wissbegierde, Engagement, Kommunikationsfähigkeit , usw. gefragt. Diese Skills sollten in den Schulen viel intensiver gefördert werden, damit der Gesellschaftliche Wandel auch im Schulalltag ankommt.

Thomas Ortmann, Dozent im Bereich Bildungswissenschaften der Autonomen Hochschule, betonte nochmals, dass Noten und Leistung nicht zusammen gehören. In Schulen, die ohne Noten arbeiten, wird auch Leistung erbracht. Die Hochschule selbst arbeitet noch in vielen Bereichen mit Ziffernnoten, da sie dekretal gewisse Vorgaben beachten müssen. Sie sind dennoch auf dem Weg in gewissen Bereichen notenfrei zu arbeiten und können aus Erfahrung sagen, dass es funktioniert. Sie sind fasziniert davon, welche Motivation die Studenten in Bereichen entwickeln, die nicht benotet werden. Hier spielt vor allem die Gestaltung des Unterrichts eine Rolle. Lässt der Unterricht intrinsische Motivation zu, sind die Inhalte für die Studenten relevant und von Bedeutung? Wenn das der Fall ist, dann braucht es keine Noten, um Leistung zu erbringen. Es soll schließlich darum gehen durch das Studium für den späteren Beruf zu lernen und nicht für die Noten auf dem Zeugnis.

Die gesetzlichen Vorgaben in der DG besagen, dass Ziffernoten bis zum Abitur nicht obligatorisch sind. Nach jeder Schulstufe sollte eine zertifizierende Bewertung stattfinden, diese kann aber auch mit einem Ampelsystem, bestanden/nicht bestanden oder anderen Formen angelegt sein. Wichtig ist nur, dass die Schulen ein schulinternes Konzept haben, in dem die Vorgehensweise transparent beschrieben ist. Auch zur Vergabe des Grundschulabschlusszeugnisses, der mittleren Reife und sogar des Abiturs sind Ziffernnoten nicht vorgeschrieben. Das eröffnet den Schulen große Freiräume um die in anderen Ländern hart gekämpft wird.

Diese Freiräume werden von einigen Grundschulen in der DG genutzt, die vollständig auf Ziffernnoten verzichten.

Die Gemeindeschulen Walhorn und Lontzen sind zwei davon. Ihr Direktor Thomas Brüll erklärte, wie es zu diesem Schritt kam, welche Erfahrungen sie während des Prozesses gemacht haben und wie die Rückmeldungen der Kinder, Eltern und Kollegen waren. Zusätzlich griff er die Frage aus dem Publikum auf, welche Hilfestellungen Schulen denn bräuchten, um sich auf den Weg machen zu können. Seine Aussage war klar: Es braucht Weiterbildung, Begleitung externer Partner, eine gute Kommunikation im Kollegium und zu den Eltern und ein große Mehrheit im Lehrerteam, das diesen Prozess gehen will.

Zum Abschluss sprach Nölte nochmals die Hauptaufgabe von Schule an. “Der Erfolg von Bildung zeigt sich nicht in Ziffern, sondern in der Fähigkeit Probleme zu lösen” hierzu zählen persönliche und gesellschaftliche Probleme. Die Probleme der Zukunft kennen wir heute noch gar nicht, doch ist es nicht damit getan in Schulen kleine Sachbearbeiter auszubilden, die Arbeitsblätter akurat ausfüllen können. Nölte beschrieb in diesem Zusammenhang das 4-K Modell. Hierbei geht es um Kollaboration, kritisches Denken, Kommunikation und Kreativität. Wichtige Kompetenzen, die zum Lösen von Problemen eingesetzt werden und die auch in der Arbeitswelt, so Annabelle Mockel, gefragt sind. In unserer heutigen Bewertungs- und Prüfungskultur sind zwei dieser Kompetenzen noch Betrugsversuche, denn kollaboriert und kommuniziert wird in Bewertungssituationen eher selten.

Zusammenfassend könnte man sagen, dass eine Abschaffung der Noten mit einer Veränderung der Lernkultur einhergehen muss. Einfach die Noten abschaffen und ansonsten alles so belassen wie bisher, wird nicht gelingen. Wir brauchen Alternativen, die Nölte während der Veranstaltung anregte und die sich unter anderem auf der Seite https://pruefungskultur.de/ widerfinden.

Die Veranstaltung startete und endete mit einer Umfrage bei den Teilnehmern. Dabei kam heraus, dass Noten eher mit negativen Gefühlen, wie Leistungsdruck, Versagensangst und Stress behaftet sind. Zu Beginn der Veranstaltung stimmten 21% der Teilnehmer gegen eine Schule ohne Noten; zum Ende der Veranstaltung waren es nur noch 10% . Zusätzlich kam heraus, dass 85% der Teilnehmer Noten nicht als Mehrwert für den Lernprozess der Kinder empfinden.

Wer sich das die gesamte Veranstaltung anschauen möchte, findet hier den Link zur Aufzeichnung: https://www.youtube.com/watch?v=zCFtJeeDbZ4

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